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Fürther
Kärwabeilage, Oktober 2001
Die Metzgerei auf der Autobahn
Es ist Hochsommer, Mitte August. Gestern ging die Rother Kirchweih zu
Ende – fünf starke und anstrengende Tage. Auf dem Festplatz
gastierte auch ein Fürther Stammgast, nämlich Bauers „Rollende
Metzgerei“. Sie ist jetzt bereits abgebaut, auf acht Sattelschlepper
verladen und fertig für die Reise zum nächsten Gastspielort.
Rosenheim steht auf der Tourneeliste. Der jüngste Platz des Traditionsunternehmens
– heuer zum stolzen 30. Mal.
Drei Zugmaschinen stehen zur Verfügung, alle in dunklem Grün
und mit der Aufschrift „Schaustellertransport“ versehen. Kurz
vor Mitternacht ist Lagebesprechung. Es fahren der Chef, ein befreundeter
Aushilfsfahrer und die Juniorchefin. Jeder hat im Laufe der Jahre „seine“
Zugmaschine und steuert ausschließlich dieses Gefährt. Auf
die Reise ins rund 250 Kilometer entfernte Oberbayern starten ein großer
Wohnwagen, der Metzgereiwagen und das Geschäft, der große Imbiss
– höchstpersönlich gesteuert von Hanni Heckl.
Wer nachts fährt, muss sich tagsüber ausruhen!“ schildert
sie die Situation und erklärt gleichzeitig die Schwierigkeiten, bei
den hochsommerlichen Temperaturen im aufgeheizten Wohnwagen am Nachmittag
einen erholsamen Schlaf zu finden. „Los geht’s!“ gibt
ihr Vater um 23.50 Uhr das Startzeichen, und der Konvoi startet. Zügig
wollen sie durchkommen, nach Möglichkeit zusammenbleiben und per
Handy Kontakt halten. Hanni Heckl (36) fährt gerne in der Nacht:
„Da ist weniger los, kein Stau und auch kein Stress. Ich erhole
mich am Steuer und habe Zeit, über das nachzudenken, was mich bewegt.“
Runde 16 Meter lang ist das Gespann – gerade so lang, dass sie damit
noch ohne teure Sondergenehmigung fahren darf und es keine so genannte
„Überlänge“ hat. Den Führerschein für
die Zugmaschine besitzt sie seit sechs Jahren und ist „eigentlich
durch einen Zufall dazu gekommen. Mein Vater hatte damals einen Arbeitsunfall,
bei dem ein Auge gelitten hat. Er konnte also zu jenem Zeitpunkt nicht
fahren – und da haben wir überlegt, wie wir über die Runden
kommen. Immer mit Aushilfsfahrern zu agieren, hätte auf längere
Zeit viel Geld gekostet. Also hab ich die Initiative ergriffen –
und es bis heute nicht bereut.“
Schmunzelnd denkt sie an die männlichen Kollegen zurück, die
sie als Frau ganz kritisch bei ihren ersten Versuchen beobachtet haben
– und mit scheinbar gut gemeinten Ratschlägen nicht geizten.
„Heute alles kalter Kaffee“, meint sie augenzwinkernd und
verweist auf ihre Mitstreiterinnen Nicole Grauberger, Nadja und Sabine
Kunstmann sowie Sandra Drliczek, die ebenfalls in die klassische Männerdomäne
eingedrungen sind und „hoch droben auf dem Bock sitzen“ und
die schweren Gefährte bewegen.
Frauen am Steuer – noch dazu in einer Zugmaschine. Schwierig, mit
dem Klischee umzugehen? „Naja“, gibt Hanni Heckl ehrlich Auskunft,
„den Status des Exotischen hat es im Moment bestimmt noch!“
Wobei die alten Zoten und Witze zutiefst abgedroschen seien – die
Studien der Fachverbände belegen glatt das Gegenteil und sprechen
davon, dass Frauen mit der Technik immer weniger Probleme haben, seltener
in schwere Unfälle verwickelt sind und in der Flensburger Verkehrssünderkartei
gar nur mit 18 Prozent vertreten sind. |

Hanni Heckl: Truckeratmosphäre in der Zugmaschine |

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Greding „fliegt“ vorbei …
Mittlerweile „fliegt“ draußen Greding vorbei, bereits
mehrere Male wechselte sie von der rechten auf die mittlere Fahrspur und
überholte langsamere Lkw. Jetzt mit gehörigem Schwung den Berg
hinauf, eine Zigarette angezündet, das Fenster heruntergekurbelt,
einen Schluck aus der Cola-Dose genommen und kräftig Gas gegeben.
Trucker-Atmosphäre vom Allerfeinsten. Aus dem Radio dudelt Country-Musik.
Beinahe wie im Road-Movie – nur der CB-Funk fehlt.
Chaotisch ist die Parksituation in der Nacht. Die Raststätten quellen
vor Lkw förmlich über, auch die normalen Rastplätze sind
total überbelegt.
Ab Ingolstadt berichtet Hanni über die jetzt 53-jährige Geschichte
von Bauers Imbissbetrieb, über die Plätze der Saison, über
knappes und nervenaufreibendes Umsetzen von einem Platz zum nächsten
– wie beispielsweise von Erlangen nach Schweinfurt – und natürlich
über die Fürther Kärwa. „Da freu’ ich mich
natürlich drauf – es ist einfach die Heimat!“ sagt sie.
Probleme im Gewerbe gibt es genug. Sie zählt auf: Privatisierungstendenzen
bei einzelnen Festen, immer sparsamer werdendes Publikum, ständig
anwachsende Zahl der Mitbewerber und – ganz aktuell – die
geplante Lkw-Maut von Verkehrsminister Bodewig.
Wir lassen München links liegen und steuern Richtung Salzburg. Ein
gelbes, sich bewegendes Blinklicht zeigt uns den Weg. Wir kommen näher
und erkennen beim Überholen einen Kollegen, ebenfalls auf dem Weg
zum Rosenheimer Herbstfest. Es ist der große Mittelbau eines Karussells.
Kurze Zeit später, fast am Irschenberg, treffen wir den dazugehörigen
Gondelwagen.
Rosenheim ist erreicht, es ist geschafft. Um 3 Uhr morgens ist alles menschenleer.
Die Lorettowiese präsentiert sich noch weitgehend unbebaut. Im Fünf-Minuten-Abstand
sind alle drei Maschinen da. Sofort wird mit dem Rangieren begonnen, und
die Wagen werden abgesetzt.
15 Minuten später Start zur Rückfahrt – nach einer kurzen
Zigarettenpause. Eine Kaffeerast im „Köschinger Forst“
wird verabredet, und schon geht es los. Beim Einfädeln auf die Autobahn
nähert sich auf der Gegenspur das mittlerweile bekannte Blinklicht.
Ein kurzes Hupen als Zeichen der Freundschaft grüßt den Kollegen.
Es dämmert langsam am Horizont. Deutsche Schlager quäken aus
dem Radio-Nachtprogramm, das heute vom Sender Berlin kommt. |

Manfred Bauer: unverzichtbar für Auf- und
Abbau ist der Ladekran


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Falsch eingeschätzt
„Viele meinen, dass unser Schausteller-Leben nur aus Abenteuer,
Freiheit und Geldverdienen besteht“, schildert Hanni Heckl die oft
erlebte Fehleinschätzung ihres Berufes. „Die Arbeit hinter
den Kulissen, das kalte oder nasse Wetter und die schlechten Tage fallen
keinem auf.“ Ob es eine Alternative zum Straßentransport gibt?
„Jetzt nicht mehr!“ erklärt sie. Als sie ein Kind war,
war die Bahnverladung, der Transport des ganzen Geschäfts, zusammen
mit den anderen Kollegen auf einem Sonderzug der Bahn die Regel. Gerne
erinnert sie sich daran, wie sie im Wohnwagen lag und, vom monotonen Geklapper
der Schienenstöße umrahmt, selig eingeschlummert ist.
„ Heute unmöglich. Die Bahn hat viele Strecken stillgelegt,
die Laderampen abgebaut und in ihrem Fahrplan keine Zeit mehr für
Sonderzüge. Sogar der Zirkus Krone hat sich seit fast 100 Jahren
Schienentransport kürzlich wütend und entnervt von der Bahn
getrennt und ist auf die Straße gewandert!“
Mittlerweile ist es hell – und Roth schon wieder zum Greifen nahe.
Das Personal ist bereits wach und hat die Vorbereitungen für die
nächste Fahrt getroffen. Acht Sattelschlepperauflieger müssen
transportiert werden. Hanni Heckl fährt jetzt den so genannten Tieflader
mit Fisch-, Spül- und Wohncontainer für die Angestellten. Es
ist 6.25 Uhr. „Aber vor der nächsten Fahrt brauch’ ich
erst etwas Ruhe“, verrät sie, springt aus dem Führerhaus,
nimmt einen großen Schluck aus der Wasserflasche und streckt ihre
Glieder. Kein leichter Job. „Ach ja, bevor ich es vergesse“,
ruft sie mir beim Weggehen zu, „ich freu’ mich auf Fürth!“
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Der Schausteller- Sammeltransport mit der Eisenbahn
ist heute Geschichte  |